Jugendgerechte Kommunen

Kommunen jugendgerecht gestalten! Jugendpolitische Kriterien zur Kommunalwahl 2021

Die 44. Vollversammlung des Landesjugendring Niedersachsen hat den folgenden Kriterienkatalog für jugendgerechte Kommunen beschlossen:

Kommunen jugendgerecht gestalten! Jugendpolitische Kriterien zur Kommunalwahl 2021

Junge Menschen sind engagiert, sie sind sichtbar und sie haben eindeutige
Vorstellungen von ihrer Lebenswelt. Diese Vorstellungen sind von den jungen
Menschen sichtbar und klar formuliert. Damit besonders in Kommunen, als
unmittelbare Lebenswelt für junge Menschen, dieser Anspruch besser umgesetzt und
junge Menschen ernsthaft beteiligt werden, hat der Landesjugendring
Niedersachsen e.V. in Kooperation mit den örtlichen Strukturen der Jugendarbeit
Beiträge von Jugendlichen in einem offenen Prozess gesammelt. Daraus ergeben
sich jugendspezifische Wünsche und Forderungen, die in einem Kriterienkatalog
für jugendgerechte Kommunen aufgehen. Dieser Katalog soll einerseits
Kommunalpolitiker*innen als Handreichung für eine jugendgerechte Kommune dienen
und andererseits Jugendliche in ihrer Argumentation unterstützen.

Kriterienkatalog

  1. Jugendgerechte Kommunen besitzen einen starken ÖPNV, der sich an den Bedürfnissen junger Menschen orientiert
  2. Jugendgerechte Kommunen verfolgen eine konsequente Strategie der ökologischen Nachhaltigkeit und der Bekämpfung des Klimawandels
  3. Jugendgerechte Kommunen investieren massiv in den Ausbau der digitalen Infrastruktur
  4. Jugendgerechte Kommunen fördern die Medienkompetenz junger Menschen
  5. Jugendgerechte Kommunen beteiligen junge Menschen dauerhaft und strukturell
  6. Jugendgerechte Kommunen fördern eine offene und diskriminierungsfreie Gesellschaft
  7. Jugendgerechte Kommunen stärken die Jugendarbeit
  8. Jugendgerechte Kommunen fördern das ehrenamtliche Engagement junger Menschen
  9. Jugendgerechte Kommunen schaffen öffentliche Räume für eine vielfältige Freizeitgestaltung
  10. Jugendgerechte Kommunen machen die Vielfalt an Zukunftsperspektiven für junge Menschen sichtbar
  11. Jugendgerechte Kommunen vergessen junge Menschen in der Corona-Pandemie nicht
  12. Jugendgerechte Kommunen gestalten kooperative Bildungsregionen und investieren in die Bildung junger Menschen

Jugendgerechte Kommunen besitzen einen starken ÖPNV, der sich an den  Bedürfnissen junger Menschen orientiert

Junge Menschen fordern neue und kluge Konzepte für den ÖPNV. Sie sind in
besonderem Maße auf die Angebote des ÖPNV angewiesen und müssen zwangsläufig bei
den vielfältigen Herausforderungen der Kommunen in ihren spezifischen Belangen
beachtet werden.

Die ländliche Infrastruktur verlangt sicherlich andere Konzepte als die urbane
und doch ist die Botschaft der jungen Generation durchgehend eindeutig: Der ÖPNV
muss mindestens für junge Menschen kostenlos sein. Es muss möglich sein, dass
Jugendliche auch im ländlichen Raum ohne das "Elterntaxi" am gesellschaftlichen
Leben teilhaben und Freund*innen treffen können. Gerade junge Menschen sehen im
Ausbau des ÖPNVs einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels;
sie fordern daher intelligente Konzepte, die Anreize für alle schaffen, den
Individualverkehr zu reduzieren.

Themen der Mobilität beschäftigen junge Menschen immer mehr. So fordern sie von
den Kommunen neben der Stärkung des ÖPNVs auch immer mehr, dass die
Infrastruktur für das Radfahren ausgebaut wird. Neben dem Ausbau der Fahrradwege
müssen auch öffentliche Räume geschaffen werden, an denen Jugendliche eine
Grundausstattung an Werkzeug für die Fahrradreparatur vorfinden und Hilfe
bekommen, die Dinge selbst zu lernen.

Jugendgerechte Kommunen verfolgen eine konsequente Strategie der ökologischen Nachhaltigkeit und der Bekämpfung des Klimawandels

Junge Menschen aus Niedersachsen fordern einen schnelleren und effizienteren Weg
hin zu klimaneutralen Kommunen. Sie haben eindeutige Forderungen, beispielsweise
bei den Vergaben von öffentlichen Aufträgen, besonders im Bereich des Wohnungs-
und Gebäudebaus. Der Bau von Photovoltaik muss konsequenter vorgeschrieben,
nachhaltiges Bauen attraktiver gestaltet und Wirtschaftsunternehmen zur
klimaneutralen Produktion verpflichtet werden.

Jugendgerechte Kommunen setzen sich engagiert dafür ein, dass nachhaltiges,
soziales und ökologisches Handeln - gerade im Interesse der nachfolgenden
Generationen - eine klare politische Priorität gegenüber kurzfristigen
wirtschaftlichen Interessen haben!

Jugendgerechte Kommunen investieren massiv in den Ausbau der digitalen Infrastruktur

Neben den Schulen müssen gerade Einrichtungen der Jugendarbeit mit einer
verlässlichen digitalen Infrastruktur ausgestattet und entsprechende Förderungen
auf den Weg gebracht werden. Stabiles und kostenloses WLAN in öffentlichen
Gebäuden, auf Plätzen, an Bushaltestellen und im ÖPNV muss zu einer
Grundausstattung werden. Die gegenwärtige Corona-Pandemie hat verdeutlicht, wie
unverzichtbar der Zugang zu digitalen Medien für eine jugendgerechte
Zukunftsperspektive ist. Daher gewährleistet eine jugendgerechte Kommune, dass
alle jungen Menschen einen Zugang zu schnellem Internet haben.

Jugendgerechte Kommunen fördern die Medienkompetenz junger Menschen

Der konsequente Ausbau einer digitalen Infrastruktur geht mit einem
verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit digitalen Medien einher. Junge
Menschen kennen sich gut aus mit digitalen Medien, haben einen sicheren Umgang
in der Bedienung und können verantwortungsvoll mit den Medien umgehen, doch sie
sind in digitalen Medien auch Gefahren ausgesetzt. Medienbildung muss daher auch
das Erlernen des richtigen Umgangs mit Fake News, das Argumentieren gegen
Hatespeech und Schutz- und Hilfestrategien gegen Cyber-Grooming umfassen.

Jugendgerechte Kommunen nehmen die Medienkompetenz junger Menschen ernst,
stärken und fördern diese und tragen so auch zu Medienschutz bei.

Jugendgerechte Kommunen beteiligen junge Menschen dauerhaft und strukturell

Die jugendlichen Bedürfnisse einer ernsthaften und nachhaltigen Beteiligung sind
vielfältig. In einer jugendgerechten Kommune können jungen Menschen
Entscheidungsträger*innen auf Augenhöhe begegnen, werden dabei unterstützt, ihre
Belange wahrzunehmen und junge Menschen werden in Entscheidungen miteinbezogen.

Eine jugendgerechte Beteiligung muss die vorhandenen Strukturen sichtbar machen
und junge Menschen und deren Interessenvertretungen direkt in die politischen
Prozesse, besonders in die Entscheidungen, die die Lebenswelt der jungen
Menschen unmittelbar betreffen, einbeziehen. Dazu prüfen jugendgerechte Kommunen
vorab alle anstehenden politischen Entscheidungen darauf, ob die Belange von
Jugendlichen berührt sind, und dokumentieren die Folgen der Entscheidungen in
den Beratungsunterlagen.

Jugendgerechte Kommunen fördern eine offene und diskriminierungsfreie Gesellschaft

Menschen sind vielfältig und haben unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse und
Fähigkeiten. Diese Unterschiede machen die Stärke einer Gesellschaft aus.
Strukturelle Benachteiligungen auf Grund von Herkunft, Religion, sexueller oder
geschlechtlicher Identität, sozioökonomischer Situation oder körperlichen oder
geistigen Beeinträchtigungen sind auch durch die Kommunalpolitik abzubauen.
Gesellschaftliche Vielfalt muss in allen Bereichen - in der Verwaltung, der
Arbeitswelt, der Schule, den Vereinen und im öffentlichen Leben - gefördert
werden. Jugendgerechte Kommunen tun dies u.a. dadurch, dass sie in die
Barrierefreiheit von Treffpunkten junger Menschen investieren und Saferspaces
für sowie Selbstorganisationen von jungen Menschen fördern.

Jugendgerechte Kommunen stärken die Jugendarbeit

Junge Menschen brauchen selbstorganisierte, nichtkommerzielle Freiräume als
Treffpunkte mit Gleichaltrigen, zum Ausprobieren und zur Selbstvergewisserung,
als Lernort für Sozialkompetenzen und zum Erfahren von Selbstwirksamkeit.

Jugendgerechte Kommunen unterstützen Jugendgruppen, Jugendinitiativen,
Jugendverbände und Jugendringe durch eine dauerhafte und auskömmliche Förderung,
die regelmäßig an die Kostenentwicklung angepasst wird. Sie stellen Ressourcen
bereit, die es den Trägern der Jugendarbeit ermöglicht, freiwilliges Engagement
mit Räumen, Personal und Material zu unterstützen.

Jugendgerechte Kommunen fördern das ehrenamtliche Engagement junger Menschen

Freiwilliges Engagement ist für eine lebendige Kommune unverzichtbar. Dieses
Engagement beginnt bereits im Jugendalter und sollte besonders unterstützt
werden.

Jugendgerechte Kommunen würdigen dieses freiwillige Engagement durch eine
Aufwertung der Juleica und erleichtern das Engagement, indem sie übermäßige
Bürokratie abschaffen: Förderanträge sind leicht zu stellen und an die Bedarfe
der Jugendgruppen angepasst..

Jugendgerechte Kommunen schaffen öffentliche Räume für eine vielfältige  Freizeitgestaltung

Kommunale Orte der Freizeitgestaltung im öffentlichen Raum müssen an die Wünsche
von jungen Menschen angepasst werden. Dabei ist es besonders wichtig,
barrierefreie Räume zu schaffen, kostenlose Angebote zu entwickeln und den
Austausch mit den jungen Menschen vor Ort zu suchen, um bedarfsorientiert Räume
der Freizeitgestaltung zu planen und umzusetzen.

Jugendgerechte Kommunen machen die Vielfalt an  Zukunftsperspektiven für junge Menschen sichtbar

Es gibt zweifellos viele Zukunftsperspektiven für junge Menschen, jedoch fehlt
meist der Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung,
dies erschwert es jungen Menschen, ihren beruflichen Weg zu finden.
Zukunftsgerichtete Themen sollten neben dem Weg des Studiums auch die Ausbildung
als gleichwertige Alternative aufzeigen. Außerdem werden Konzepte erstellt, die
die Themen der Zukunft vielfältig und jugendgerecht behandeln.

Jugendgerechte Kommunen vergessen junge Menschen in der Corona-Pandemie nicht

Junge Menschen leiden besonders unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie, vor
allem unter den Kontaktbeschränkungen: Freund*innen zu treffen, Freiräume zu
erobern und zu erhalten, Zeit ohne die Eltern zu verbringen - das alles sind
wichtige Aspekte des Heranwachsens. Dies nachzuholen ist nicht einfach. Aber
junge Menschen brauchen auf jeden Fall ein Mehr an Möglichkeiten.

Eine jugendgerechte Kommune denkt die Belange und Wünsche junger Menschen in den
Plänen einer Zeit nach der Pandemie mit und stärkt die Jugendarbeit als Orte der
Begegnung und des Austausches, deren Bedeutung in dieser Zeit wichtiger denn je
geworden ist.

Jugendgerechte Kommunen gestalten kooperative Bildungsregionen und investieren in die Bildung junger Menschen

Die Corona-Pandemie verdeutlicht, wie essentiell flächendeckende und
jugendgerechte Bildungszugänge sind. Jugendgerechte Kommunen setzen sich für
einen zukunftsorientierten Schulausbau ein. Sie fördern gute schulische
Lehrausstattung, die den Herausforderungen gewappnet ist und insbesondere den
Ansprüchen der fortschreitenden Digitalisierung gerecht wird. Daneben tragen
Kommunen zu guten Voraussetzungen der außerschulischen Bildung junger Menschen
bei. Jugendverbände, weitere Träger der Jugendhilfe, Kommunen und Schulen
arbeiten gemeinsam und auf Augenhöhe an der Konzeptionierung von
außerunterrichtlichen Betreuungs- und Bildungsangeboten an Ganztagsschulen und
in Bildungslandschaften, um die Interessen der ehrenamtlich engagierten
Jugendlichen zu berücksichtigen und sie nicht zu benachteiligen.