Niedersachsen in Schulnoten

Die meisten Jugendlichen Niedersachsens leben gerne in ihrer Kommune, doch ihr Zeugnis für die niedersächsischen Städte und Geminden zeigt auch, dass sie sich Verbesserungen wünschen. Die Kommunalpolitik in der beginnenden Legislaturperiode ist nun am Zug, um die Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche gemeinsam mit den jungen Menschen zu verbessern.
Welche Städte bereits jetzt besonders jugendfreundlich sind und wo es noch Nachholbedarf gibt, zeigt der glüXtest. Dabei wurden die Jugendlichen gebeten, ihren Wohnort anhand von 17 verschiedenen Fragestellungen mit Schulnoten zu bewerten. Diese 17 Fragen lassen sich in drei inhaltliche Themenbereiche (Freizeitangebote, Beteiligung, Schule & Ausbildung) und die sogenannten Wohlfühlfragen unterteilen.

Freizeit und außerschulische Bildung

Der Themenblock Freizeit und außerschulische Bildungsangebote ist der erste Themenblock, der im glüXtest abgefragt wurde. Betrachtet man das Ergebnis im Vergleich zu den Jahren 2011 und 2006, hat sich der Bereich um 0,1, bzw. 0,3 Notenpunkte verschlechtert. Betrachtet man jedoch die Beurteilungen zu den einzelnen Fragestellungen genauer, so lassen sich deutliche Unterschiede ausmachen:
Durchschnittlich wurde das gesamte Freizeitangebot mit einer 3,3 beurteilt. Besonders glänzen an dieser Stelle die Sportangebote (hierunter verbergen sich nicht nur die Sportangebote der Vereine, sondern auch die Sportplätze, Sporthallen, Schwimmbäder u.Ä.) und die Jugendverbände, die mit jeweils 2,6 Klassenbeste sind. Das Angebot der offenen Jugendtreffs wird hingegen mit einer 3,3 beurteilt.
Das Angebot an (kommerziellen) Vergnügungseinrichtungen (wie z.B. Diskotheken, Konzerte, Kinos, Theater, Kneipen) wird durchschnittlich mit 3,8 und damit auffällig schlecht beurteilt. Hier zeigt der Trend, dass junge Menschen die kommerziellen Angebote zusätzlich auch schlechter beurteilen als noch vor 5, bzw. 10 Jahren; besser schneidet der ÖPNV, ab: Für die Bus- und Bahnanbindung geben die Befragten durchschnittlich eine 3,2.
Die deutlich schlechteste Note im gesamten glüXtest hat die Frage nach dem Zugang zu freiem W-Lan in der Öffentlichkeit erhalten. Hier vergaben die Jugendlichen im Durchschnitt eine 4,4. 2006 und 2011 wurde diese Frage noch nicht gestellt.

Beteiligung an politischen Entscheidungen

Besorgniserregend schlecht sind die Bewertungen im Themenbereich Partizipation. Auf die Frage „Wie beurteilst du die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an kommunalpolitischen Entscheidungsprozessen (z.B. durch Jugendforen, projektbezogene Zukunftswerkstätten, Jugendausschüssen o.Ä.)“ lag die landesweite Durchschnittsnote bei 3,9; gefragt, ob die Politikerinnen und Politiker die Wünsche der Jugendlichen ernst nehmen würden, gab es im Durchschnitt sogar nur eine 4,0. Damit ergibt sich im Bezug auf die Jahre 2006 und 2011 ein negativer Trend, der in der Politk Alarmsignale auslösen sollte.
Dass die Ursachen für die schlechte Bewertung der Beteiligungsmöglichkeiten nicht in einer häufig vermuteten Politikverdrossenheit Jugendlicher zu suchen sind, wird auch anhand des glüXtests deutlich: zum einen durch die hohe Zahl der Teilnehmenden an dem Online-Voting und zum anderen belegen auch die Forderungen der Jugendlichen in der Freitextfrage ein hohes Interesse an stärkerer jugendgerechter Beteiligung.
Die schlechten Noten für Jugendbeteiligung und das Ernstnehmen durch die Politik sind nach Ansicht des Landesjugendrings ein Warnsignal für die Politiker-innen: Jugendliche müssen von Parteien besonders angesprochen und ihre Wünsche ernst genommen werden. Das große Interesse an der neXTvote-Kampagne hat gezeigt, dass Jugendliche sich für ihre Stadt interessieren und sich vor Ort engagieren wollen, wenn man sie nur lässt.

Schul- und Ausbildungssituation

An kaum einem anderen Ort verbringen Jugendliche so viel Zeit wie in der Schule oder am Arbeitsplatz und die Frage nach einem Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz ist für viele junge Menschen von zentraler Bedeutung. Im landesweiten Durchschnitt wird das Bemühen der Politik um eine bessere Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation mit einer 3,5 bewertet und bleibt damit auf einem konstant schlechten Niveau. Der bauliche Zustand der Schulen wird niedersachsenweit durchschnittlich mit einer 3,0 bewertet; eine leichte Verbesserung im Vergleich zum Jahr 2011. Insgesamt kann aber auch das Ergebnis in diesem Bereich nicht zufriedenstellen.

Jugendfreundlichkeit

Neben den Freizeit- und Beteiligungsmöglichkeiten sowie der Schul- und Ausbildungssituation gibt es noch weitere Faktoren, die dafür ausschlaggebend sind, wie gerne Jugendliche in ihrer Stadt leben. Dazu gehören auch sehr subjektive Werte wie z.B. die gefühlte Jugendfreundlichkeit. Dazu stellte der glüXtest die Frage „Wie jugendfreundlich sind die Menschen... in deinem Wohnort? differenziert nach in der Politik, in der Schule und auf der Straße.“
Insbesondere bei der Jugendfreundlichkeit in der Schule war im Landesdurchschnitt ein gutes Ergebnis zu verzeichnen; hier vergaben die Jugendlichen eine 2,5 und damit 0,3 Notenpunkte besser als 2011. Für die Menschen auf der Straße gab es im Durchschnitt eine 2,8 — auch ein besser Wert als 2011. Für Politiker-innen nur eine 3,2 vergeben, der schlechteste Wert in diesem Bereich. Dies korreliert mit den Ergebnissen auf die Fragen im Block Beteiligung: Entweder führt der Eindruck der Jugendlichen, dass ihre Wünsche von Politiker-inne-n nicht ernst genommen werden, dazu, dass man sie auch unfreundlich findet oder weil Politiker-innen von Jugendlichen als unfreundlich empfunden werden, wird ihnen auch nicht zugetraut, sich für die Wünsche von Jugendlichen einzusetzen.

Vielfalt und Diskriminierung

Erstmals wurden junge Menschen im glüXtest gefragt, ob und wie oft sie im letzten halben Jahr erlebt haben, das Klassenkamerad-inn-en oder Freunde aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten  diskriminiert wurden.
30% der jungen Menschen gaben an, noch nie Diskriminierung erlebt zu haben; 35% 1—3 mal, 13% 4-6 mal. 13% der jungen Menschen gab jedoch auch an, mehr 12 mal im letzten halben Jahr Diskriminierung erlebt zu haben. Es sollte also zum Nachdenken anregen, dass 70% der Befragten Diskriminierung im Alltag erleben und erlebt haben. Grund zur Besorgnis geben aber vor allem die 13% der jungen Menschen, für die Diskriminierung ein „alltägliches“ Phänomen ist.

Längsschnittvergleich

Betrachtet man die Ergebnisse im Längsschnitt — also im Vergleich zu den Erhebungen aus den Jahren 2006 und 2011 — ergibt sich ein durchwachsenes Bild. In den vier inhaltlichen Blöcken hat sich die Gesamtnote nur im Bereich Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation leicht verbessert. In den beiden anderen Bereichen, Freizeit- und Bildungsangebote und Beteiligung, wurden jeweils schlechtere Noten vergeben. Insbesondere die schlechte Note im Bereich der Beteiligung junger Menschen gibt Anlass zur Besorgnis. Hier zeigt sich ein negativer Trend, den es zu stoppen und umzukehren gilt. Die Frage nach erlebter Diskriminierung wurde in diesem Jahr erstmalig gestellt und lässt sich somit nicht mit einer anderen Erhebung vergleichen.
Auch im Bezug auf das subjektive Wohlbefinden und die Jugendfreundlichkeit sind die Ergebnisse durchwachsen. Während sich junge Menschen heute deutlich lieber an ihrem Wohnort wohnen als noch vor zehn Jahren, nimmt die subjektiv empfundene Jugendfreundlichkeit ab.

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Regionale Auswertung

Betrachtet man die Ergebnisse in der regionalen Auswertung, so werden klare Unterscheide zwischen den einzelnen Landkreisen deutlich. Insgesamt schwanken die Gesamtdurchschnittsnoten zwischen einer guten 2,3 (Stadt Oldenburg, Stadt Osnabrück) und einer eher schwachen 3,7 (Städte Wilhelmshaven & Delmenhorst).
Die drei besten Noten in der regionalen Auswertung gehen allesamt an Städte (Oldenburg, Osnabrück und Hannover). Generell lässt sich feststellen, dass die Noten für Stadtregionen besser ausfallen, als die Noten für den eher ländlichen Raum. Dies bestätigt die Vermutung, dass ländliche Regionen stärker durch den demographischen Wandel betroffen sind als Ballungszentren. Nur wenn auch der ländliche Raum wieder ein attraktiver Lebensort für junge Menschen wird, kann diesem Trend entgegengewirkt werden.
Bestätigt wird dies beispielsweise durch die Regionalauswertung des Frageblocks „Freizeit & außerschulische Bildung“. Auch hier haben die Stadtregionen (Hannover, Oldenburg, Osnabrück und Braunschweig) deutlich besser abgeschnitten als eher ländliche Regionen wie Leer oder Rotenburg (Wümme). Attraktive Freizeitangebote für junge Menschen dürfen sich jedoch nicht ausschließlich auf Stadt- und Ballungsregionen beschränken. Positive Beispiele dafür sind die Landkreise Ammerland und Osnabrück.
Die Frage, wie gerne junge Menschen in ihrem Ort leben, wurde insgesamt sehr positiv bewertet. 13 Landkreise, bzw. kreisfrei Städte wurden hier mit einer Note besser als 2 bewertet. Deutlich am schlechtesten abgeschnitten haben hier die Landkreise Wilhelmshaven (2,7) und Delmenhorst (3,1) — was sich auch im Gesamtdurchschnitt spiegelt.
Ganz anders sieht es bei der Jugendfreundlichkeit in Niedersachsens Landkreisen aus, die insgesamt deutlich schlechter bewertet wurde. Auch sind hier keine Unterschiede zwischen eher städtischen und eher ländlichen Regionen zu erkennen. Die besten Noten bekamen die Landkreise Osterholz (1,9) und Holzminden (2,2). Die schlechtesten Noten gingen an die Landkreise Wilhelmshaven (3,4) und Wesermarsch (3,5).
Werden junge Menschen nach ihren Partizipationsmöglichkeiten gefragt, vergeben sie nur in fünf Landkreisen Noten besser als 3 (Osnabrück Land, Emsland, Grafschaft Bentheim, Ammerland, Osterholz). Die mit Abstand schlechteste Note bekommt der Landkreis Osterode am Harz (5,2), gefolgt vom Landkreis Celle (4,8). Auffällig in der regionalen Verteilung ist, dass alle besser bewerteten Landkreise im westlichen Teil Niedersachsens liegen. Dagegen schneiden viele östliche Landkreise schlecht oder sehr schlecht ab.

Die ausführlichen Ergebnisse

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